Rund um den Stausee Guadelfeo in Andalusien

Karte 

🚗 Wieder auf Abwegen – zwischen Honigfluss,
Geröllschluchten und der Kunst des rechtzeitigen Umdrehens

 

Irgendwann packt es uns einfach wieder. Dann wird die gute alte Andalusien-Landkarte ausgebreitet wie eine Schatzkarte, der Finger fährt über dünne weiße Linien – und wir suchen nach Straßen, die verdächtig kurvenreich aussehen. Davon gibt es hier ja mehr als Olivenbäume. Und obwohl wir inzwischen über 4000 Kilometer im Umkreis von Torrox Costa zusammengesammelt haben, finden wir immer noch neue Abenteuerpfade. 

  

Ziel Nummer eins: Der geheimnisvolle „Río de la Miel“

Heute sollte es zunächst wieder ostwärts an der Küste entlanggehen – eine Strecke, die unser Auto inzwischen wohl auch ohne uns fahren könnte. Aber wir hatten einen Abzweig entdeckt: MA-6102, Wegweiser „Río de la Miel“. Ein Honigfluss! Das klang so verlockend, dass wir schon innerlich die Brötchen eintauchten. Das Navi allerdings behauptete stur, die Straße heiße anders. Typischer Dialog zwischen Mensch und Technik: „Hier lang!“ – „Nein, dort!“ – „Doch!“ – „Fahren Sie, wohin Sie wollen, aber ich rede nicht mehr mit Ihnen!“

Wir fuhren trotzdem hinein. Eine dieser Straßen, die erst freundlich wirken und dann allmählich Charakter zeigen: Pinienwälder, felsige Böschungen, Kurven wie von einem übereifrigen Zeichenlehrer gemalt. Dann plötzlich: viele parkende Autos am Rand. Ein untrügliches Zeichen für zwei Möglichkeiten:

  1. Hier beginnt etwas unglaublich Schönes. 2. Hier endet etwas unglaublich Befahrbares.

Der Weg wurde enger, steiler, holpriger. Wir erinnerten uns an frĂĽhere Expeditionen, bei denen wir irgendwann auf einer Art Ziegenpfad standen und unser Auto uns vorwurfsvoll ansah. Also trafen wir die reife Entscheidung: Umdrehen ist auch eine Form von Abenteuer.

Später zeigte die Karte: gute Wahl – der Weg mündete tatsächlich im „Nirgendwo mit Aussicht“.

 

Runde zwei: Das Reich des RĂ­o Guadalfeo

Also weiter entlang der Küste Richtung Motril. Unser nächstes Ziel war das Flusssystem des Río Guadalfeo, der größte Fluss der Alpujarras. Er sammelt das Wasser der südlichen Sierra Nevada, schleppt Sedimente aus Schiefer, Gneis und Kalk mit sich und baut damit seit Jahrtausenden sein eigenes kleines Delta bei Salobreña. Wir umrundeten dieses System auf herrlich leeren Straßen – ohne Autobahn, dafür mit umso mehr Aussicht. Olivenhaine wechselten mit Zuckerrohrfeldern, dazwischen weiße Dörfer, die wie auf Terrassen in den Hang geklebt wirken. Man spürt hier deutlich, dass die Alpujarras geologisch eine andere Welt sind als die Kalkberge um Málaga: viel metamorphes Gestein, dunkle Schiefer, alte kristalline Massen.

Das große Schluchten-Déjà-vu – und die Baustelle des Jahres

Unser eigentliches Herzensziel lag aber weiter im Hinterland bei Poloteos / Tablate. Dort hatten wir vor Jahren eine Landschaft erlebt, die uns bis heute im Gedächtnis klebt: Straßen, die durch hohe, schmale Schluchten aus verfestigtem Geröll führen – Wände wie aufgeschichtete Geschichte, Meter um Meter alte Flussablagerungen, Lehm, Kies, Konglomerat.

Geologisch handelt es sich hier um junge Schuttfächer und Schwemmterrassen, Material aus der Sierra Nevada, das über Jahrtausende von Sturzregen und Wildbächen herabtransportiert wurde. Kein harter Kalk, sondern ein wildes Gemisch – spektakulär, aber auch empfindlich. Und was erwartete uns? 👉 Eine gigantische Baustelle.

Bagger statt Canyon, Absperrungen statt Fotomotive. Das Geröll wurde aufgerissen, Straßen neu trassiert, Felsen versetzt – vermutlich für bessere Stabilität, aber für uns fühlte es sich an wie ein Theaterstück ohne Hauptdarsteller. Ein bisschen enttäuscht waren wir schon. Unsere geplanten „Wow-Fotos“ blieben im Kopf statt auf der Speicherkarte.

 

Heimweg mit Tunnel-Meditation

Die Uhr erinnerte uns daran, dass Andalusien zwar groß, der Tag aber endlich ist. Also Rückzug zunächst über Lanjaron und Orgiva, dann über die Autobahn – Brücken, Tunnel, Mittelmeerblicke im Abendlicht. Nach über sechs Stunden rollten wir wieder in Torrox Costa ein. Müde, aber zufrieden. Denn auch eine Tour mit Umwegen, Baustellen und halben Zielen ist am Ende genau das, was wir suchen: ein weiterer Tag im großen andalusischen Abenteuerbuch. 

 


Kleine Geo-Infobox zur Tour

RĂ­o de la Miel (Gebiet Cerro Gordo / Almijara)

  • Kalk- und Dolomitgesteine der Betischen Kordillere

  • Stark verkarstet: Wasser versickert, bildet Quellen und kurze Flussläufe

  • Typische Pinien- und Macchia-Vegetation auf kargen Böden

RĂ­o Guadalfeo & Alpujarras

  • Geologisch geprägt von Schiefern, Gneisen und Glimmerschiefern

  • Starke Erosion aus der Sierra Nevada → Bildung breiter Schwemmterrassen

  • Fruchtbare Talebenen mit subtropischer Landwirtschaft

Poloteos/ Tablate – Schluchten aus Geröll

  • Junge Sedimente: Konglomerate, Lehme, Kies

  • Entstanden durch Sturzfluten („ramblas“)

  • Instabile, aber landschaftlich extrem eindrucksvolle FormationenÂ