Geschichten:  Steinwelten


Steine - leblose Materie?

Als Jäger und Sammler ist es mir schon in frühester Jugend gelungen, Steine zu sammeln. Es fing damit an, dass ich über einen Stein stolperte. Es war kein gewöhnlicher Stein, Nein. Es war ein Stein des Anstoßes. Groß, unförmig und doch strukturiert. Ich nahm ihn natürlich mit. Erst viel später stellte ich fest, er war Teil eines versteinerten Baumstammes.

In der Zwischenzeit fand ich irgendwo wieder zufällig ein glänzendes Stück Stein. Was für ein Glanzstück! Wieder später konnte ich erfahren, dass ich ein riesengroßes Stück Obsidian gefunden hatte. Wie das gläsernde Vulkangestein zu mir gefunden hat, weiß ich bis heute nicht. 

Und dann lag bei einem Strandspaziergang etwas Weißes vor meinen Füßen. Fühlte sich eigenartig an. Eingepackt und mitgenommen. Fertig. Jetzt weiß ich, dass ich weiße, uralte Kreide für mehrere Jahre als Vorrat besitze. Älter als alle Lebewesen der Erde. 

So wurde ich mit der Zeit doch nachdenklich und veränderte meine Sammlerleidenschaft, weg von Briefmarken und Bierdeckeln, hin zu einer noch total überflüssigen, aber gewichtigen Steinsammlung. Eigentlich zum damaligen Zeitpunkt eine wirklich wertlose und überflüssige Angelegenheit. Trotzdem sehr ge-wichtig! 

 

Aber ein Prinzip kristallisierte sich doch in meinen jungen Jahren ganz schnell heraus: Nur eigene gesammelte Steine kommen ins Regal, nix Flohmarkt, nix Gekauftes. Doch mit der Zeit konnte ich dann doch diesem Prinzip nicht ganz treu bleiben, manchmal war die Versuchung einfach zu groß, mal ein außergewöhnliches Stück Stein käuflich zu erwerben. 

Und mit Zunahme meiner Sammlung wurde allmählich auch die Neugierde größer, was ich denn da alles besaß und welche Schätze ich in meinen Regalen hütete. Ja, spezielle Lektüre wurde angeschafft, Fachzeitungen abonniert, sogar entsprechende Kurse wurden belegt.

Aber der Höhepunkt kommt noch: Nach und nach wurden immer mehr Urlaubsorte nach dem Motto "Wo gibts die interessantesten Steine?" gewählt. Und diesem Motto bin ich treu geblieben, ja, fast jedenfalls. 

Und ein gewisser Teil dieser "erarbeiteten Mitbringsel" liegen heute mehr oder weniger sichtbar in meinem Garten. Nicht wenige davon haben sogar fossile Abdrücke von Tieren oder Pflanzen. Wunderschöne Exemplare!

 

(Leider hat einer der selten beauftragten Gärtner mal meinen Garten aufgeräumt und für ihn sinnloses Zeug entfernt. Ein Jammer! Wie kann man nur...??? Unwiederbringbares, mit Sorgfalt und viel Mühe von mir Zusammengetragenes, einfach weg. Irgendwo fristet es wohl nun unbeobachtet und unbemerkt den Rest des Daseins. Fern von mir!)

 

Einer meiner ersten großen Reisen war zum größten Stein der Erde: Australien. Der Ayers Rock wird von vielen als Berg gesehen, nein, er ist ein Stein. Ein sehr großer zwar und für die Aborigines der "Uluru", der heilige Berg. Er ist 3 km lang, ~2 km breit, hat einen Umfang von 9 km und sein Gipfel hebt sich auf einer absoluten Höhe von 863 m, hebt sich damit  348 m von seiner Umgebung ab. Er besteht aus "Arkose", einem aus Sandgestein ähnlichen Sedimentgestein. Aufgrund seiner Größe konnte ich den nicht mitnehmen. Hätte man ja auch sofort bemerkt. Und in meinen Garten hätte er wirklich nicht gepaßt. Ist so. Stattdessen brachte ich natürlich kiloweise roten Sand mit nach Hause.

 

 

Eine spätere Reise führte mich nach Hawaii, zu Big Island, wegen des aktiven Vulkans "Kilauea" und seiner vielbesagten Lava. Was für eine Reise!  Hawaii tauchte vor Millionen von Jahren aus dem Meer auf und wurde von Vulkanen gebildet. Der Schildvulkan Kilauea bricht seit 1983 ununterbrochen aus. Davon konnte ich mich überzeugen. Mit knapp 1000 km² ist der Nationalpark "Hawaii Volvaes National " ein lebendiges Museum, wo man hautnah Vulkanismus erleben darf. Ich habe mir beim  Betreten der Lavaflächen ordentlich die Fußsohlen meiner Schuhe verbrannt Aber ich wäre auch barfuß dort gegangen, um dieses einmalige Erlebnis zu erfahren. Ich habe mir natürlich auch ein großes Stück Lava eingepackt, allerdings bereits abgekühlt. Versteht sich!

 

 

Und da Hawaii nicht weit vom Festland der USA entfernt liegt (5 Std. Flug), gings direkt dahin. Yellowstone war und ist ein Besuch wert. Da gibt es nämlich auch genügend Vulkanismus. Und viele Blubberlöcher. Purer Schlamm! Aber da wollte ich eigentlich nur den "Old Faithful" gucken, wie er sich aufpustet und wichtig tut. Naja, unter ihm ist ja auch ein riesiger  Hotspot, der ihn antreibt. Und wenn der Geysir nicht aufpaßt und der Hotspot wie angekündigt explodiert, ist er weg. Allerdings alle Amerikaner auch. Und die meisten Europäer ebenfalls. 

 

 

Deswegen ganz schnell weg und nur noch einen kurzen Abstecher zu den versteinerten Baumstämmen im Petrified Forest Nationalpark.

Vor ca. 215 Mio. Jahren war hier ein riesiges Schwemmland mit den vielfältigsten Bäumen einschließlich zahlreicher Reptilien. Die Bäume wurden überflutet, wieder und wieder überwuchert und schließlich vom Sauerstoff abgeschnitten. Der Verfall der Bäume verlangsamte sich und kieselsäurehaltiges Grundwasser sickerte in die Bäume ein. Und was soll ich sagen? Nach und nach entstand so eine farbenprächtige Holzstruktur, weil sich Quarz und Chalcedon in den Hohlräumen ablagerte und das Zellgewebe ersetzte. Toll gemacht von der Natur.  Kann der Mensch nicht besser machen! Erst nach einem weiteren langen Erdprozeß hob sich das Land und legte aufgrund von Erosion die Baumstämme frei, meist allerdings als Bruchstücke. Und die durfte ich in den USA mit eigenen Augen bestaunen. Nein, ich habe keinen Baumstamm mitgenommen. Abgesehen, dass einer ja vom Gewicht her viel, viel zu schwer ist, wird man am Eingang des Parkes bestimmend auf  nichterlaubtes Mitnehmen, auch kleiner Stücke, deutlich hingewiesen und bei der Ausreise auch wieder ernsthaft kontrolliert. Nein, ich habe widerstanden. Aber im Shop nahebei konnte ich so manches Exemplar käuflich erwerben. Gut, dass ich da meinem ursprünglichen Vorsatz schon rechtzeitig wiedersprochen und gekauft habe. Ja, ich besitze nun rechtmäßiges versteinertes Holz. Alles legal. Und wunderschön. 

 

Aber an anderer Stelle habe ich nicht widerstanden: Am Obsidian-Dom in Kalifornien. Ein riesiges Gebiet, nur Obsidian, soweit das Auge reicht. Der Dome ist ca. 20 m hoch und leicht zu erreichen. Und da mußte ich zugreifen. Obsidian ist glasartig, entsteht bei schneller Abkühlung von Lava und gehört zur Rhyolith-Familie. Also wieder ist Vulkanismus beteiligt. Bei schneller Abkühlung könnte unter bestimmten Bedingungen sogar Bimsstein entstehen. Ist hier aber nicht. Am besten gefallen mir die sogenannten Schneeballobsidiane, die kleine Einschlüsse enthalten. Und davon gibts dann auch einige in meiner Sammlung. Zwar klitzekleine, aber sehenswert. Und alle aus meinen Urlaubsparadiesen mitgebracht. Allerdings nicht immer selbst gefunden, doch, gefunden in so manchen Stone-Shops. 

 

 

Klar, der nächste gewünschte Urlaub mußte auf Island sein, die Fortsetzung der erdgeschichtlichen Exkursion. Island ist sozusagen die Schnittstelle zwischen der amerikanischen und der eurasischen Erdplatte. Und da ist was los! Der Mittelatlantische Rücken, der die Insel teilt, sorgt für genügend Unruhe auf der Insel. Erst knapp 20 Millionen jung, aber kein Grund, sich bedeckt zu halten. Die vielen Spaltenvulkane zeugen davon. Nein, ich hatte nicht das Glück, keine Zeit, wenig Geld, einen aktiven Vulkan dort erleben zu dürfen. Stattdessen habe ich dann in der vulkanfreien Zeit per Allrad und Zelt die Insel unsicher gemacht, auch indem ich genügend Becher und Tüten mit hatte, um darin die unterschiedlichsten Lavaproben und vor allem auch den schwarzen Lavasand einpacken und mitnehmen zu können. Als Hobby-Steinsammler gehört sich sowas! Und so wuchs meine Sammlung immer mehr und meine Regale nahmen ebenfalls an Größe und Menge zu.

 

Nach Island war dann unbedingt eine Reise nach Italien/Sizilien dringend nötig. Ziel war natürlich der Ätna. Diesmal mit einem WoMo, um genügend Lavabrocken transportieren zu können. Ach, war die Auffahrt zum Ätna ein Erlebnis! Ich denke noch gerne daran, auch wenn ich fast das WoMo wegen der Lava verloren hätte. Nur, weil ich auf Lavasuche war und vergessen hatte, die Handbremse anzuziehen. Es rollte allmählich bergabwärts...! Kann in der Hektik und Begeisterung ja schonmal passieren. Aber zum Glück hab' ich's noch rechtzeitig bemerkt, mußte aber deswegen auf einen wunderschönen Lavaklotz verzichten. Trotzdem ruht nun ein Stück Ätna jetzt in meinem Garten, unbemerkt von meinem Gärtner! Jahre später bin ich natürlich wieder zum Ätna hin, diesmal machte er mir sogar die Freude, vor meinen Augen auszubrechen... in entsprechender, sicherer Entfernung. Nur diesmal funktionierte meine Kamera nicht, und so bleiben diese Bilder nur in meiner Erinnerung erhalten. Aber sie sind da und jederzeit abrufbar!

 

 

Aber Italien bietet für mich natürlich noch mehr. Das Land, das aus Marmor die tollsten Figuren hat entstehen lassen. Michelangelo ist wohl der berühmteste Künstler, der Marmor  zu Leben erweckte. Da mußte ich natürlich wiederholt hin. Carrara hieß das Stichwort. Und es ist mir auch gelungen. Entstanden ist Marmor wieder einmal dadurch, dass zwei Erdplatten sich aufeinander zu bewegten und so unter Stress sich ein Gebirge bilden mußte. Unter sehr hohem Druck und Temperaturen mußten sich die Calcitablagerungen der abgestorbenen Meeresorganismen dann zu Marmor wandeln. Sie hatten auch keine andere Wahl. Und ich durfte dann entsprechende Marmorstücke in den Steinbrüchen bei Carrara in den apuanischen Bergen aufsammeln. Wie schön! Und es sind wirklich sehr schöne Stücke dabei. Allerdings auch einige weniger schöne, die sogenannten Ostereier. Muss halt auch sein.

 

Zwischendurch gabs dann auch mal einen intensiven Urlaub in Deutschland. Natürlich nur da, wo es interessantes Gestein gibt. Diesmal vielleicht mit Fossilien gemischt? Hin zum Altmühltal, das vor ca. 150 Mio Jahren, in der Jurazeit, sozusagen eine Lagune eines Ozeans war. Hier kann man Kalkplatten spalten und , wenn man Glück hat, Haarsterne, Fische, Krebse, Schnecken, Libellen, Ammoniten oder Wasserlilien als Fossilien finden. Und hier hat man auch den ganz berühmten Urvogel "Archaeopteryx" gefunden, ein Zwitter aus Saurier und Vogel. Weltweit hat man nur 10 Exemplare gefunden, ich besitze eins: aus Pappe! Diesmal ein gekauftes Exemplar im Museum. Anders war ja keins zu kriegen! 

 

Auch die Eifel mußte dran glauben. Ist ja nicht weit von meinem Wohnort und mal für einen Kurztrip durchaus geeignet. Die Eifel ist ein Teil des Rheinischen Schiefergebirges mit vielen Tälern und Bächen. Der größte Teil, der aus Schiefer und Sandstein besteht, entstand vor 500-400 Mio Jahren. Im Karbonzeitalter entstanden in Meeresrandgebieten ausgedehnte Sümpfe, die Ausgangsstoffe für Kohle waren. (Natürlich besitze ich Torf, Braun- und Steinkohle in meiner Sammlung.) Im Tertiär entstand, parallel zur Bildung der Alpen, der Vulkanismnus der Eifel. Heute erkennt man nur noch wenige Basaltschlote. Gegen Ende des Vulkanismus formten Gasausbrüche insgesamt 16 Maare, das größte Maar ist der Laacher See, der vor ca. 7500 Jahren v. Chr. entstanden ist. In der Nähe des Laacher Sees wird Bims abgebaut, das durch gasreiche vulkanische Eruptionen, bei denen zähflüssige Lava durch Wasserdampf und Kohlendioxid aufgeschäumt wird, entsteht. Bims ist relativ leicht, hell und porenreich. Natürlich fehlt in meiner Sammlung kein Bims. Nix gekauft, könnte ja jeder. Übrigens wird Bims auch bei der Jeansherstellung verwendet, um den "stone-washed"-Effekt zu erzeugen.

 

Achja, unbedingt erwähnen möchte ich mein Mondgestein. Bei einem Besuch des Nördlinger Ries, ein Gebiet, wo vor etwa 15 Mio. Jahren ein Meteorit mit einer errechneten Geschwindigkeit von 70000 km/h eingeschlagen ist und einen großen, großen Krater hinterlassen hat, habe ich im Museum Mondgestein betrachten dürfen, dass die Apollo 16-Besatzung dort deponiert hat. Bei dem Aufprall entstand ein total neues Gestein, Suevit, das als Rieser Mondgestein verkauft wird. Ein Exemplar in Würfelform konnte ich erwerben und steht zufrieden in meiner Sammlung. Und ich hüte es wie einen besonderen Schatz.

 

Apropos Schatz: Eine Reise ins nördliche Europa stand schon lange auf meinem Plan: Skandinavien, weil  dort das uralte "Kaledonische Gebirge" liegt. Vor etwa 400 Mio Jahren trafen dort die Urkontinente Amerika und Europa zusammen und falteten das Kaledonische Gebirge auf. Heute sieht man von der mächtigen Auffaltung nur noch die Überreste. Eigentlich schade, denn ein bisschen mehr Höhe über NN hätte ich den Skandinaviern schon gegönnt. Das Skandinavische Gebirge ist ca. 1700 km lang und max. 320 km breit. Ganz schön weit, jedenfalls wenn man mal dort entlang fährt. Aber unterwegs kann man natürlich viele Steine sammeln, wovon ich immer wieder Gebrauch mache. Es sind die zahlreichen Granite (=Korn), die in vielen  Farben und Schattierungen zu finden sind und aus Feldspat, Quarz und Glimmer bestehen. Manche dieser Steine verarbeite ich farblich verändert zu irgendwelchen Geschenkgegenständen. Doch besonders ausgefallene Stücke wandern natürlich in meine Schatzkammer. Gerne hätte ich mir natürlich größere Exemplare aus den Urlaubsorten mitgebracht, die sogenannten Findlinge, entstanden dadurch, dass Gletscher sie während der Eiszeit transportiert und dabei meist abgerundet haben. Aber Größe und Menge stoßen regelmäßig auf das Mißfallen meiner Mitfahrer. Alles Kulturbanausen! Naja, vielleicht sind echte Findlinge ja wirklich zu groß und schwer?

Aber erwähnen muss ich hier noch unbedingt die Stadt Kiruna in Schweden. Vor Jahren habe ich dort die Eisenerzgrube besichtigt. Unmengen an "Proben"durfte und konnte ich dort mitnehmen (alle verteilt!!!). Ich zähle Erz natürlich auch zu meinen Steinen, sieht ja auch genauso aus wie normale Steine. Es wird im größten Untertagebau der Welt gefördert. In Bussen durchfährt man einige der 500 Untertagekilometer in einer Tiefe von 500 m. Eine Wucht. Hat mich jedenfalls damals sehr beeindruckt. 20 Mio. Tonnen hochwertiges Eisenerz als kugelförmige Pellets werden jährlich zu den Häfen Narvik und Lulea transportiert und  weltweit zur Stahlherstellung genutzt. Trotzdem, ich kann nix damit anfangen.

 

 

Ein Stein fehlt mir allerdings noch in meiner Sammlung. Er hat Seltenheitswert und ist nicht im alltäglichen Leben zu finden. Dabei besteht er nur aus Kohlenstoff. Meist in Oktaederform. Natürlich manchmal auch als Tetraeder oder Dodekaeder. Die Kristalle sind transparent und farblos. Oder durch Verunreinigungen auch oftmals farblich gekennzeichnet. Er hat einen hohen Härtegrad von 10 und verfügt über die höchste Wärmeleitfähigkeit aller Minerale. Der Stein entsteht nur im Erdmatel (150-600m) unter hohem Druck und hohen Temperaturen (1200-1400°C), der älteste bekannte ist 4,25 Milliarden Jahre alt. Naja, der muss es dann nicht gerade sein, ein kleineres und jüngeres Abbild würde mir auch schon genügen. In Südafrika werden sie gesucht und gefunden, in Antwerpen werden sie meistens gehandelt. Doch in meiner Sammlung ist noch kein Diamant zu finden. Noch nicht!

 

Und auf meiner nächsten Reise wird wieder nach Steinen gesucht. Und wieder wird mein Handgepäck oder der Kofferraum voll gespickt sein mit für mich wertvollen Urlaubssouvenirs. So macht Urlaub für mich Spaß!


 Und für mich sind Steine keine leblose Materie! Für mich lebt jeder Stein und kann mir viele, viele Geschichten erzählen! 

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